Leben auf der Grenze. Erfahrungen mit Borderline by Andreas Knuf

By Andreas Knuf

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In zwei Stimmen? Die eine drängt mich: »Tu es, du willst es doch, dann ist alles wieder gut«, während die andere, die immer schwächer zu werden scheint, versucht die letzte Möglichkeit an Kraft auszuschöpfen. Doch sie wird immer leiser und leiser … bis sie verschwindet. Ich beginne mich am Arm mit meinen Fingernägeln zu kratzen. Erst ganz langsam und irgendwie noch kontrolliert, doch schnell entschwindet die letzte Kontrolle und es gibt kein Zurück mehr. Auf einmal scheint mein Körper zu explodieren, ich schlage mich, kratze mich, beiße mich, reiße mir Haare aus.

Um in Kontakt mit der Realität zu stehen, lasse ich Musik laufen oder telefoniere, und so schaffe ich es, dass ich ruhiger werde und sich allmählich der Spuk von allein auflöst. Das Wichtigste dabei sind dann Gespräche, das hilft, mich etwas abzulenken.  Auch wenn ich unter Menschen bin, gibt es Momente, die ich scheinbar nicht mehr aushalten kann, in denen sich meine Angst verselbstständigt. Autos können dann genauso bedrohlich wirken wie Menschen in der S-Bahn. Ich sehe Objekte auf mich zukommen, bekomme keine Luft mehr.

Ich wurde zur Außenseiterin, zum fünften Rad am Wagen. Ich vereinsamte. So zog ich mich in meine Fantasiewelt zurück. Es war eine Welt der Schlager und der Liebe ohne Tränen. Stundenlang lief ich durch die Wiesen unseres Ortes und hielt Selbstgespräche. Oft belauscht und belacht von der Dorfjugend, die sich einen Spaß daraus machte, mich zu verfolgen. Zuerst fühlte ich mich zutiefst verletzt, aber dann wertete ich das als Zuneigung und ließ sie gewähren. Ja, ich dachte sogar, sie mögen mich und laufen deshalb hinter mir her.

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